Sexismus ist wirklich kinderleicht

CC-BY-SA 4.0,
Poyraz 72 Table salt with salt shaker. CC-BY-SA 4.0,

Restaurantkritik im Feuilleton ist eine eigene Kunstform. Feinnervige Kenner, präzise Connaisseure, Ästheten und Adjektivliebhaber sind in dem Genre unterwegs.
Man muss diese Kritiken nicht lesen, man kann sie auch als überflüssig erachten angesichts des Elends in der Welt. Ich jedoch finde mein unschuldiges Vergnügen an diesen Elaboraten der Genauigkeit. Für die Dauer weniger Minuten treten Asylpakete, Rechtspopulismus und Politikerphrasen zurück und machen Platz für intensiv schmeckende Tannenspitzencreme, für eine prächtig tiefe und ausgewogene Ingwermarinade oder in Apfelsaft zart karamellisierte Schwarzwurzeln.
Ende Januar hat Jakob Strobel y Serra die Geschmackssache in der FAZ von Jürgen Dollase übernommen und keine drei Wochen später die Latte gerissen. Er portraitiert zwei junge Winzerinnen, Schwestern, die das elterliche Weingut übernommen haben und mit avancierten Methoden zu großer Qualität führen.
Hochgewachsen, rank, fruchtbar, jung, gesund – ein Schelm, der bei diesen Adjektiven an Reben denkt. Nein, nein, man schaue sich zunächst die Winzerinnen an, erst dann weiß man, wie es um das Potenzial der Pflanzen bestellt ist. Augenzwinkernd lädt der Autor zu dieser Betrachtung ein, er kann einfach nicht anders, wenn er sich diese Prachtexemplare von Winzerinnen anschaut. Selbstverständlich meint er es nicht wirklich ernst, er schreibt es nur so.

Ganz groß. Dürfen wir das auch mal probieren?

Seine konturlosen, massigen Gesichtszüge stehen für einen Populismus, der dröhnend das reine Streben nach Machterhalt kaschiert.
Die nationalistische Denkweise des Autors hat in der zerknitterten Kinnpartie ihre Spuren eingeschrieben.
Dass rassistische Ressentiments mit der Angst vor Homosexualität verknüpft sind, belegt der effiminierte Lippenschwung.
So erfolgreich wie in seiner biologischen Reproduktionstätigkeit erweist sich laut dem Quartalsbericht der Vorstandsvorsitzende zum Bedauern der Aktionäre nicht.

Geht wirklich kinderleicht.
Besser, Sie schicken mir kein Foto, denn wer könnte schon einem kleinen, unheimlich lustigen sexistischen Spaß widerstehen.

Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

Balenciaga-Kampagne Sommer 2016 via WGSN
(c) Balenciaga, SS 16, via WGSN

Das Reizvolle, immer wieder Anziehende an Modeschöpfungen und ihrer fotografischen Inszenierung ist Saison für Saison das freie künstlerische Spiel, weit hinausgreifend über jede Notwendigkeit von Bekleidung. Ästhetische Vision und Verlockung, großes Handwerk und lässige Verschwendung, Können, Schönheit und Stil in einer Geste der Verführung vereint.
Auf ihrem schönen Fuß tanzt die Mode im Ballsaal des Kunstpalastes, auf dem anderen balanciert sie auf dem unebenen Kontorboden des Marktes. Diese Dehnübung gehört zur Prêt-à-porter-Mode, eine Anstrengung, der sich auch Galeristen oder Verleger mit jeder Ausstellung, mit jedem Programm unterziehen müssen. Anders jedoch als ihre Schwestern übt die Mode eine Schwindel erregende Bildmacht aus.
Mode zielt aufs Äußere und trifft ins Innerste: Sie entwirft Selbstbilder, schneidert Akzeptanz, kleidet Sehnsüchte ein. Die großen Modemarken schicken ihre Botschaft weltweit durch die Verwertungsketten, lancieren ihre Bilder, mit üppigen Werbebudgets ausgestattet, in allen Medien und öffentlichen Räumen, inszenieren in Perfektion ihre Objekte, deren Abglanz selbst noch in billigen Kopien auf den Schulhöfen den Wert der Trägerin steigern. Eine Millionen Menschen folgen Balenciaga auf Instagram, mehr als eine Millionen auf Facebook, eine halbe auf Twitter.
Man muss der Mode keinen allzu großen Wert beimessen, doch ernst nehmen darf man sie und genau hinschauen auch.

Die letzte Arbeit des Chefdesigners Alexander Wang vor seinem Ausscheiden ist die Damenkollektion Frühling-Sommer 2016. Die Kollektion ist das Fest, das Hochamt zu Ehren einer Farbe: weiß. Ein Défilé von Rein-, Schnee-, Blüten-, Lilien, Perl- und Milchweiß, Elfenbein und Creme in allen Schattierungen. Loungewear und Spielanzüge sind aus Seide, Satin, Voile, reiner Baumwolle und feinstem Leinen gearbeitet. Durchsichtige Spitzendessous treffen auf transparent geschichtete Bustiers mit flatternden Bändern, Volants und Krausen umspielen hoch angesetzte Taillen, darüber durchbrochene Empire-Leibchen mit Kaskaden-Rüschen, Spitzeneinsätzen, Krausen, üppigen Schleifen, Litzen, Tressen und gestickten Bordüren. Gesmokte, bauschige, bauchfrei getragene Oberteile mit applizierten fedrigen Girlanden und Perlenbänden lassen hauchzarte Strick-Slips mit kostbaren Paspelierungen und Lochstickereien erkennen. Es weht und flattert weich, flaumig, schmiegsam, nachlässig, fransig, durchscheinend, nachgiebig, rein.
Als „unapologetically feminine“ feierte die Vogue in ihrer Hymne die Arbeit: feminin ohne Abstriche, ein rückhaltloses Bekenntnis zur Weiblichkeit.

Die Fotografie oben ist ein key visual der Kollektion.
Transparente, ornamental bestickte Vorhänge filtern kaum das blendend helle Licht. Die Zierleiste des Fensterrahmens lässt ein großbürgerliches, städtisches Altbauambiente erahnen. Paris, die abgegriffene Chiffre der Mode schlechthin, wird herbeizitiert. Ein überaus elegantes helles Louis Quinze-Sofa mit filigranem goldenen Rankenwerk, Signum einer so feinsinnigen wie kultiviert-kapriziösen Epoche, steht eindrucksvoll in der hinteren Bildmitte. Hoch einfallendes Licht und leichte Kleidung suggerieren einen sommerlichen Mittag.

Zoe Kravitz und Anna Ewers sitzen nebeneinander auf diesem Sofa.
Derangiert, erschöpft, ja abgeschlagen. Jede Spannung scheint ihren Körpern entwichen. Ewers‘ Kopf lehnt schwer, in überstreckter Pose, ans Polster gelehnt, die zarte weiße Kehle über dem Schwanenhals ungeschützt dargeboten. Die Schultern eingesunken, schlaff. Ein Trägerband ist den Arm hinuntergeglitten. Die Arme von Zoe Kravitz liegen kraftlos neben dem Körper, nicht einmal die glänzend-schwellenden Lippen vermag sie noch geschlossen zu halten. Der offene Mund: Zeichen der Entkräftung, Selbstvergessenheit und Willigkeit, Privileg der Debilen wie der Kleinkinder. Ihr Blick unter halb geschlossenen Lidern ist vollkommen leer, starr in einer Weise, wie sie nur Rauschmittel, haltlose Übermüdung oder Traumatisierung hervorrufen. Auch das Hair doing verweist auf zurück liegende Abenteuer – sorgsam gesträhnt, aufs eleganteste abgewirtschaftet.

Wo mögen diese jungen Frauen so zerschlagen und halbnackt in ihren Spielanzügen wohl herkommen? Sie erwecken jedenfalls den Eindruck, als wären sie überfahren, verkauft, betäubt oder vergewaltigt worden. Oder alles der Reihe nach. Gerettet in letzter Minute warten sie im elterlichen Salon darauf, dass das Badewasser die richtige Temperatur hat.

Die Inszenierung einer nachgerade biedermeierlichen Fantasie ruft alles herbei, was zeitgeistig hoch im Kurs steht: handwerkliche Qualität, feinsinnigen Eskapismus und geschmackvolle Beschaulichkeit. Die Weiblichkeit in weißen Bordüren, diese bauschig-gefetzte Schmiegsamkeit aus edlem Linnen schmückt darin vortrefflich. In diesem Ambiente entfaltet sich genießerisch im Auge des Fotografen eine Weiblichkeit, in deren Kern verfügbare Passivität steht.
Das nachgiebig-weiche Flaumige ist hart rangenommen worden. Die Welt da draußen hat scharfe Kanten. Wir lassen unseren Mädchen schon mal das Badewasser ein.

Im Steinzeitalter der Kinderbetreuung

„Agarre de un bifaz“ von José-Manuel Benito Álvarez (España) —> Locutus Borg - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agarre_de_un_bifaz.png#/media/File:Agarre_de_un_bifaz.png

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert bei der institutionellen Kinderbetreuung, auch zum Besseren: Es gibt mehr Ganztag in den Grundschulen, mehr Krippenplätze, das kostenfreie Vorschuljahr und Sprachförderung in den Kitas.

Quasi das Holozän der Betreuung herrscht im Leben einer alleinerziehenden Berufstätigen, solange sich beide Kinder in Kita und Grundschule bewegen: gesicherter Aufenthalt in der Erziehungs- und Bildungsanstalt von acht bis 16 Uhr. Natürlich gibt es auch mal eine Ausnahme: Elternsprechtag, pädagogischer Jahrestag, Läusealarm, eine Krankheitswelle im Lehrkörper, einen Streiktag oder zwei oder neun bei den Erziehern, ab und an einen Ausflug, hin und wieder eine Konferenz, ein Klassenfest, zuweilen ein Schulfest oder einen Betriebsausflug des Betreuerteams. Kleinigkeiten gewissermaßen, die mit dem Anspruch auf Jahresurlaub fair austariert sind.

An dem Tag aber, an dem Kind 1 auf die weiterführende Schule wechselt, katapultiert die Wirklichkeit einen ins Betreuungs-
steinzeitalter zurück. Meine Kinder sind klein geraten und beim Wechsel neun Jahre alt.
Neunjährige Kinder anderer Leuten mögen pflichtbewusst und autonom sein. Meine Kinder veranstalten Kindersachen, wenn sie allein zuhause sind. One Direction in Dauerschleife, elektronische Spiele, streiten, die Küche zerlegen, streiten, Müsli futtern, bei Mama im Büro anrufen, Flüssigkeiten verschütten, mit dem Roller durch den Supermarkt kurven. In der Art.
Doch bei aller abenteuerlichen Freiheit sind Kinder mit neun, zehn oder auch elf Jahren nicht gern jeden Tag allein, wenn sie aus der Schule kommen. Sie texten ihre Bezugsperson liebend gern voll, mosern sie an, sind es zufrieden, wenn sie ein Zimmer weiter Geräusche hören, höchst einverstanden mit einem leckeren Mittagessen, und manchmal brauchen sie sogar noch jemanden, der sie daran erinnert, dass es Zeit ist zum Turnen zu gehen. Das muss nicht die Mutter sein. In der Grundschule haben Horterzieher*innen für meine Kinder diese wohlige Bild- und tonspur verlässlich produziert.

Ein Bildungssystem, in dem Fünft- und Sechstklässler um 13 Uhr oder auch schon mittags auf die Straße gestellt werden, ist ein irrwitzges Relikt. Man kommt in der heutigen Zeit sicher ganz gut damit zurecht, wenn Großeltern in der Nähe leben, ein Elternteil das Feuer hütet, während das andere mit dem Faustkeil hantiert, oder aber genügend Geld für private Kinderbehütung vorhanden ist. 19 Prozent der Familien in Deutschland leben mit einer alleinerziehenden Person, etwa 8,2 Millionen (Statistisches Bundesamt). Von denen verdienen 40 Prozent bis zu 1.300 Euro monatlich, weitere 45 Prozent zwischen 1.300 und 2.600 Euro (Monitor Familienforschung). Für das Kindermädchen wird das in den seltensten Fällen reichen. Zwölf Wochen Schulferien im Jahr sind ein organisatorischer Albtraum, eine Seilakrobatik, bei der man zwangsläufig abstürzt, sobald das Kind in der fünften Klasse ist.

Das gleiche Bildungssystem setzt in seinem Kern stillschweigend voraus, dass häusliche Laienlehrer die Hausaufgaben supervidieren, und das achtjährige Gymnasium stellt in dieser Hinsicht keinen Fortschritt dar. Die Anforderung, die die Schule selbstverständlich an die Eltern stellt, hat nichts mit der Schlauheit oder dem Lerneifer eines einzelnen Kindes zu tun. Der Unterricht ist auf Training und Unterstützung zuhause ausgelegt. Soziale Chancengleichheit sieht anders aus. Darüber hinaus höre ich gern mal Vokabeln ab oder beschäftige mich in Ruhe mit dem Skelett von Vögeln, doch wenn ich Lehrerin hätte werden wollen, wäre ich Lehrerin geworden. Nicht zuletzt haben Privatschulen auch deshalb großen Zulauf, weil sie im Ganztag arbeiten oder solide Betreuung anbieten.

„Laut Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) verbringen Frauen in Deutschland im Durchschnitt 164 Minuten am Tag mit Putzen, Kochen, Bügeln – und Kindererziehung. Männer dagegen nicht halb so viel, nämlich 90 Minuten. In diese Zeit ist alles eingerechnet, was unter Familienarbeit fällt, also auch Rasenmähen und den Kindern bei den Hausaufgaben helfen.“ (ZEIT)
254 Minuten Haushalt & Kindererziehung am Tag. Die meisten Paare mit Kindern entscheiden sich für Teilzeitarbeit eines Partners. Kann ich wirklich gut verstehen, auch wenn fast ausschließlich die Frauen diesen Part übernehmen.
Division kann man bei uns durch acht Uhr abends teilen und alle Deklinationen um den Fall Erschöpfungtiv erweitern – Singular wie Plural.

Foto: „Agarre de un bifaz“ von J. B. Álvarez (España) —> Locutus Borg – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – http://gruenlink.de/132w

Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

Im Sommer, ohne Strumpfhose unterm Rock, kann aus einem Ding also mit etwas Glück ein Übergriff oder wenigstens eine Beleidigung werden. Immer noch kein Sexualdelikt, denn Deutschland hat die Istanbul-Konvention des Europarates gegen Gewalt gegen Frauen nicht ratifiziert. Ein Sexualdelikt liegt nach geltendem deutschen Recht nur dann vor, „wenn die sexuelle Handlung durch eine andere gewaltsame Handlung oder erhebliche Drohung des Täters ermöglicht wird“ (Quelle: Legal Gender Studies, 11.1.2016). Messer also, Schläge oder Fußtritte mögen hilfreich für eine strafrechtliche Bewertung sein. Gut ist auch eine „hilflose Lage“. Ruft die Frau aber um Hilfe, liegt keine hilflose Lage vor, sie hat sich ja zu helfen gewusst.

Kommentare zu Köln und der Debatte darüber kommen aus den interessantesten Richtungen:
Katharina Fegebank, zweite Bürgermeistern von Hamburg, rief den Tatverdächtigen von Köln auf Twitter zu: „Eure Mütter würden sich für Euch schämen!“
Ich bin mit den Tatverdächtigen nicht per Du und spekuliere weder über die Moralvorstellungen noch über die Schamgrenzen ihrer Mütter. Was vermutlich als gut gemeinte, hemdsärmelige Empörung gedacht war, enttarnt sich als traditioneller Reflex, die Gewalttat und deren Bewertung in die private Sphäre zu schieben – gewissermaßen selbst mütterlich an die Ehre der Buben sowie an Familienehre grundsätzlich zu appellieren.

Katja Suding, FDP-Vorsitzende in Hamburg, schreibt heute in einem öffentlichen Brief: „Natürlich gab und gibt es, Belästigungen, Gewalt gegen Frauen, Raub und Vergewaltigung in diesem Land wie auf der ganzen Welt schon immer. (…) Aber diese traurigen Selbstverständlichkeiten …“ (Hamburger Abendblatt, 13.1.2016)

Bildschirmfoto 2016-01-13 um 11.33.56Die traurige Selbstverständlichkeit dieser Dinge (super Titel) – über solche Allgemeinplätze wollen und müssen wir nicht sprechen, es gibt sie schließlich schon immer.
Das sieht auch Ursula Scheer so:
„Rassismus und sexuelle Gewalt haben in einer Demokratie, in der Gleichberechtigung herrscht, keinen Platz. Genau in dieser wohlfeilen Allgemeinplatzhaftigkeit aber liegt der Knackpunkt der #ausnahmslos-Kampagne. Sie nimmt die massenweisen Attacken, die (…) ganz überwiegend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis auf Frauen verübt haben, zum Anlass, diskursiv quasi in Sekundenschnelle vom Konkreten auf das Allgemeine umzuschwenken: sexualisierte Gewalt in Deutschland insgesamt.“ (Ursula Scheer, FAZ, 13.1.2016)

Konkret scheint sexualisierte Gewalt im politischen und medialen Diskurs erst zu werden, wenn überwiegend aus dem islamischen Kulturkreis stammende Migranten sie ausüben.

Alltagssexismus ist aber an jeden einzelnen Tag in jedem einzelnen Frauenleben konkret. Die Attacken in der Silvesternacht stellen ohne Frage eine neue Qualität der Gewaltausübung dar. Es gibt nichts zu verharmlosen. Doch dieselben Leute, die auf das Bild von schmutzigen Händen auf ihren weißen Frauen mit der Forderung nach verschärften Asylgesetzen reagieren, leben einvernehmlich in dieser Zivilgesellschaft, wählen Parteien, die eine Novellierung des Sexualstrafrechts verschleppen, bewegen sich ungestört von verdinglichten Frauenkörpern in der Werbung, unbehelligt von schwitzigen, übergriffigen Händen in der Ubahn, tun sexuelle Übergriffe auf Volksfesten als Jungsübermut ab, laufen nachts ohne Angst über jede Straße, lachen lauthals mit denen, die Frauen grob in aller Öffentlichkeit anbaggern, starren im Büro auf Busen, greifen der jungen Bedienung im Restaurant an den Hintern, fliegen nach Thailand, diskriminieren Homosexuelle und verachten ihre Chefin.

Hilal Sezgin schreibt heute in der ZEIT über den Komplex männlicher Herrschaft und Alltagssexismus. Sie fragt: Welches Frauenbild vermitteln wir neu angekommenen Flüchtlingen mit Plakaten, auf denen nackt sich räkelnde Frauen für Smartphones werben? Nun, offensichtlich das zutreffende aus der Sicht von Smartphone-Nutzern.

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ER SUCHT SIE

KennenlernenEs gibt sie, die großen Momente in einer Familie. Wir hatten heute beim Abendessen einen und verdanken ihn dem Mann aus Köln, der im aktuellen ZEIT Magazin in der Rubrik KENNENLERNEN eine Anzeige veröffentlicht hat.
Die Fotostrecke von Josefsohn vorne im Magazin war, Hummus-Brote und Oliven futternd, bereits ein unterhaltsames Vergnügen: Mir vollkommen unbegreiflich, dass die MTV-Kampagne schon zwanzig Jahre alt sein soll, für Kind 1 & 2 sehr überraschend, dass es damals schon Farbfotografie gab. Danach eine geniale Modestrecke, die den Beifall aller fand. Und während wir noch über Looks plaudern und die extrem geniale blaue Hose auf dem letzten Bild, blättert Kind 2 weiter, bis ihr Blick an der Zeichnung eines einsamen Mannes auf einem Tandem hängen bleibt: die Kontaktanzeigen.
Parshippen in der Zeit, Mama.
Kind 1: Ich brauch hier keinen Typen.
Kind 2: Mama aber. Dann hat sie mehr Ruhe zum Arbeiten. Wir gucken, vielleicht ist einer dabei. Hier: Bauingenieur sucht Bauingenieurin. Ein Bob der Baumeister sucht eine Bobby die Baumeisterin. Yo, der steht nur auf Kolleginnen.
Kind 1: Oder hier, ich hab einen: Attraktiver Chirurg sucht elegante Frau. Musst du dich eben aufbrezeln, Mama, dafür brauchst du auch keinen Beruf. Gern dürfen Sie auch ein kleines Kind mit in die Ehe bringen. Ach, und der bestimmt, was klein ist und nicht stört, oder was. Ich kann mir vorstellen, wie der uns findet. Voll süß.
Kind 2: Privat-Bankier, Cosmopolit, s. vermögend, s. erfolgreich, s. jung geblieben.
Ich muss gleich s Punkt kotzen.
Kind 1: Man schreibt Kosmopolit nicht mit C. Hier ist ein Kulturredakteur, der für einen öffentlich-rechtlichen Sender tätig ist. Wichtig, wichtig, der Junge, wa. Der heult uns dann die Bude voll, wenn er seinen Job verliert. Ein Industriemeister sucht Frau für gefühlvolle Zukunft zu zweit. Baby, wir sind viele und wir sind immer da.
Kind 2: Leute! Hört zu! Das hier ist unser Mann. Ich hab ihn. Alle Vorzüge, die eine Frau sich wünschen kann außer Status & Karriere. Suche eine Frau, die mir den Vortritt in kinderreichem Haushalt überlässt.
Mama, ich glaubs nicht. Den schocken wir nicht, der ist entspannt, der will nich den Chef machen. Biete Charme & Charakter & Courage. Der passt zu uns! Kompatible Umgangsformen
Kind 1: Das heißt, dass Mama ihn auch gut findet.
Kind 2: – stramme Waden, Ironie & Anteilnahme. Er sieht gut aus und ist lustig. Einen besseren finden wir nicht.
Kind 1: Auf jeden Fall kann er schreiben.

Ich mache mir heute irgendwie nicht so viel Sorgen um die Zukunft des Geschlechterverhältnisses.
Und Ihnen, werter Herr aus Köln, wünsche ich recht viel Glück.

 

Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden. Ministerin Nahles kommt es auf einen gewichtigen Unterschied an, den zwischen absoluter und relativer Armut:

Es ist eine relative Größe, die die Einkommensspreizung zeigt, aber nicht die absolute Armut. Dabei laufen wir aber Gefahr, den Blick für die wirklich Bedürftigen zu verlieren. Es gibt zum Beispiel mehr illegale Einwanderer und sehr viele jüngere Erwerbsgeminderte, da haben wir es mit wirklicher Armut zu tun.
– Was wollen Sie dagegen tun?
Wir brauchen zum Beispiel mehr Geld für Sprachkurse für Flüchtlinge.

Ja, es gibt echte Armut bei uns: die von Flüchtlingsfamilien, die Armut Illegaler, Langzeitarbeitsloser oder Obdachloser. Ob dieser gesellschaftliche und politische Skandal allerdings mit Geld für Sprachkurse abzustellen ist, steht zu bezweifeln. Zweifelsohne aber ist es anmaßend und politisch dürftig, dass Nahles mit dieser Darstellung ganz lässig echte Bedürftigkeit gegen relative Armut ausspielt.
„Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.“ weiterlesen

Einerseits und andererseits

Für L. – as a token of friendship

Im Alltag rede ich manchmal über Tage hinweg wenig. Ich meine, richtig reden, mit Erwachsenen, über Themen, mit zuhören, nachfragen und anschauen. Ich sage zur Kassiererin Danke und zur Erzieherin Wieso hat das Kind schon wieder keine Mütze auf?, ansonsten arbeite ich tagsüber still, rede abends an die Brut hin und höre nachts Deutschlandfunk. Zudem ist die Lust am Gespräch in Norddeutschland ungefähr so verbreitet wie der Pockenvirus. Eine angemessene Antwort auf die Frage Wie geht’s? lautet entweder Und dir? oder Wie aufmerksam, dass du fragst. Ab und an aber gibt es wieder diese Tage, da heißt es mit Benn:

(c) Dieter Schwer
Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot.

Sozialpsychologen behaupten gern, die Mitte der sechziger Jahre Geborenen seien eine unauffällige Generation. Zu spät für Aufbruch und sexuelle Befreiung, zu früh für die digitale Wende. Eine Generation ohne Kämpfe und Kontur, ohne Ideologie, Moral und Erfindungsgeist.

Nach einer herrlichen Nacht kann ich sagen: Geht mir doch weg mit Kontur und Moral. Hoch lebe das Reden. Wenn wir etwas können, dann reden, zweifeln und Haltung bewahren. Mit Menschen, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe, rede ich nach Minuten wieder über die wichtigen Sachen:
Kunst, Ehebruch, den jungen Liebhaber der Frau, den jungen Liebhaber des Mannes, die einfachen und die schwierigen Kinder, die Angst vorm Altern, Musik in Seattle, nervige Patchwork-Familien, sexuelle Erfahrungen und finanzielle Fragen, den Mangel an Sex, den Literaturmarkt, Scheidung, Sterben, Midlife-Krisen und Urlaubspläne, Versagensängste, Erfolg, Kleingärten, kranke Eltern, Mode in L.A., über Machtstrukturen, Varoufakis, den DJ (oh, oh), Männer in Elternzeit, Architektur, die Liebe, den Augenblick, Ausschweifung, Askese, über Geschwister, Bauchoperationen, die Frauenfrage, Paris und den Hundsrück, die Kindheit in Schwaben, Arbeit, Alimente, Marihuana-Anbau, Stiefkinder und Pendelbeziehungen, über besseres Scheitern und verpasste Möglichkeiten, Erinnerungen an Portugal, falsche Partnerwahl, guten Wodka und Tantiemen.
Keine Generation gestaltet ihre Lebensentwürfe so konsequent im ständigen Versuch, in der Auseinandersetzung, im Neuanfang und im Scheitern. Es gibt nämlich keine traditionellen Lebensentwürfe für Familien nach dem Ende des Ernährermodells, keine tauglichen Vorbilder für Patchwork oder Homosexuelle in Führungspositionen, für serielle Monogamie, ständige Stadtwechsel, offene Beziehungen oder gebrochene Arbeitsbiografien.
Wir haben als Provinzküken angefangen mit Wählscheibentelefon auf dem Sideboard, und wir hören nicht auf zu experimentieren, zu streiten, zu verzweifeln, zu verhandeln und nachzuverhandeln. Einerseits, andererseits. Die patriarchale, hetero-normative Haus-Boot-Was war das Dritte-Nummer kann man ohne viele Worte durchziehen, für alles darüber hinaus braucht man Freunde, mit denen man bedenken, besprechen, probieren und abwägen kann. Also widmen wir uns redend der Arbeit und der Liebe, den Kindern, dem Alltag und der Kunst, bewahren Haltung und genießen den Augenblick. Den anderen lassen wir die Moral.
Kameraschwenk hinunter auf die leere Kreuzung, die jemand, um uns zu erfreuen, aus einem Cassavetes-Film in den Morgen hineingeschnitten hat.
Wir sollten Schluss machen für heute.
Einerseits. Andererseits denke ich gerade …